Die langanhaltende Dürre und die sinkenden Wasserstände haben in Flüssen und Seen in den vergangenen Tagen und Wochen Erstaunliches ans Licht gebracht. Neben Funden aus der Römerzeit kamen in den Flussbetten Europas vor allem zahlreiche Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg zum Vorschein. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte der Fund eines Wehrmachtsmotorrads in Budapest, direkt gegenüber dem Parlament. Neben der erstaunlich gut erhaltenen DKW NZ 350-1 wurden auch die Gebeine zweier deutscher Soldaten gefunden, die nun durch die Kriegsgräberfürsorge geborgen und umgebettet werden.

Budapest wurde ab Heiligabend 1944 belagert und schwer umkämpft und wird aufgrund der erbitterten Kämpfe häufig auch als das „Stalingrad an der Donau“ bezeichnet. Einer der letzten Zeitzeugen, die noch aus eigener Erfahrung davon berichten können, ist der 104-jährige Michael Kretz. Als Kradschütze diente er im ungarischen Heer, erlebte die Rückzugskämpfe und schließlich die Einkesselung in Budapest.

Bei meinem letzten Besuch legte ich ihm die Fotos des geborgenen Motorrads vor und berichtete ihm von den Fundumständen. Wie erhaltene Beschriftungen erkennen lassen, gehörte das Solo-Krad zum Pionier-Bataillon der Division „Feldherrnhalle“ und war somit nicht die Maschine von Herrn Kretz. Er selbst fuhr eine BMW R 75 und war während der Belagerung an verschiedenen Abschnitten der Kesselfront im Einsatz.

Zu seinen Aufgaben gehörte es, aus Lastenseglern geborgene Lebensmittel zu transportieren und Verwundete in die Katakomben unter der Burg zu bringen. Als die Ostseite der Stadt geräumt wurde, überquerte er mit seinem Gespann als einer der Letzten unter Beschuss die Kettenbrücke. Was aus seinem Motorrad nach den Kämpfen wurde, weiß er nicht. Vielleicht wird auch seine Maschine eines Tages irgendwo wieder ausgegraben.

Die beiden Toten aus der Donau können nicht mehr vom apokalyptischen Untergang der ungarischen Hauptstadt erzählen – Herr Kretz kann es noch.

Wer sich für seine außergewöhnliche Lebensgeschichte interessiert, findet sein Buch – auf Wunsch auch mit Signatur – hier:
