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Der Ritterkreuzträger, der den Tod am Fahrbahnrand der Autobahn A9 fand

Während meiner Recherche zum Buch „Fliegerschicksale im Landkreis Nürnberger Land“ stieß ich auf eine Verlustmeldung einer Ju 88 vom 2. Juni 1943 „3 Kilometer nordöstlich Lauf an der Pegnitz“. Vermerkt war sonst nur „Motorenversage“ und „Aufschlagsbrand“, eine dürftige Informationslage. An Bord befanden sich Flugzeugführer Hauptmann Richter, Beobachter Oberfeldwebel Ludwig Meisinger, Bordfunker Unteroffizier Georg Vogel sowie Bordschütze Unteroffizier Günter Bogmann, die allesamt den Tod fanden.

Flugzeugführer Heinz Richter stammte aus Dorfchemnitz in Sachsen, wo er am 3. Februar 1913 geboren wurde. Während seiner Dienstzeit absolvierte er beim Kampfgeschwader 77 weit mehr als 100 Feindflüge und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Sein Geschwader nahm bereits am Polenfeldzug teil, bald darauf folgte der Einsatz an der Westfront. Von Frankreich aus wurden in der Luftschlacht um England verschiedene See- und Bodenziele angegriffen. Ab April 1941 führte Richter die 9. Staffel des Geschwaders und nahm am Russlandfeldzug teil. Am 25. Mai 1941 wurde Heinz Richter mit seiner Besatzung nach einem Einsatz mit der Ju 88 Kennung 3Z + FT zunächst als vermisst gemeldet, kehrte später jedoch wieder zurück. Zum Oberleutnant befördert und bereits Inhaber des Eisernen Kreuzes beider Klassen wurde ihm am 15. Oktober 1941 das Deutsche Kreuz in Gold verliehen. Als Staffelkapitän der 12. Staffel verlegte er im Januar 1942 wieder nach Frankreich zurück und flog weiter Einsätze gegen England. Im April 1943 wurde Richter zum Gruppenkommandeur der III. Gruppe ernannt, welche zu diesem Zeitpunkt zur Auffrischung im italienischen Piacenza lag.

Hauptmann Heinz Richter

Wie konnte es also sein, das Richter in Mittelfranken den Tod fand, wenn doch seine Gruppe gerade in Italien stationiert war? Und wo befindet sich die genaue Absturzstelle? Diese Frage zu klären hat Monate gedauert, denn es fanden sich in den umliegenden Dörfern keine Zeitzeugen mehr und „3 Kilometer nordöstlich Lauf“ befindet sich ein ausgedehntes Waldgebiet, in dem die Absturzstelle zu finden, der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleichen würde. Schließlich war es der Heimat- und Geschichtsverein Neunkirchen am Sand, der mir Gewissheit geben konnte. Bei einer Jahre zurückliegenden Befragung älterer Bürger war auch ein Bericht über einen Flugzeugabsturz festgehalten worden:

„Eine Notlandung versuchte eines Tages die Besatzung einer Ju 88 auf der Autobahn von Süden her kommend zwischen der „Kroderbrücke“ und dem ehemaligen Rastplatz. Die Maschine kam über den Kunigundenberg geflogen, Gepäck wurde abgeworfen. Die Lehrlinge der Firma Gruco schauten gerade aus der Lehrwerkstatt, als gegenüber dem alten Autobahnrastplatz gewaltiger Lärm entstand, ein Knall, Rauch aufstieg. Es stellte sich heraus, daß der linke Motor der Maschine ausgefallen war und der Pilot auf der Autobahn notlanden wollte, er hatte aber nicht die zweite Brücke zum heutigen Müllplatz gesehen und wollte wieder steigen. Ein kleines Büschchen, an dem der Flügel streifte, wurde ihm zum Verhängnis, so daß die Maschine sich links in den Wald gegenüber dem alten Rastplatz einbohrte. Dies stellte sich bei der polizeilichen Untersuchung heraus. Vier Besatzungsmitglieder kamen um, teils verbrannt und verstümmelt, nur der hintere Mann blieb relativ unversehrt, allerdings ohne Kopf. Kaspar S. war einer der ersten am Unfallort. Die Feuerwehr kam ebenfalls. Viele schöne Seide, Bananen, Orangen kullerten auf dem Boden, die Besatzung kam von Afrika und wollte nach Bayreuth, denn der Kommandant hätte Hochzeit gehabt. So mußten die Angehörigen die Toten aufsuchen. Das brennende und schmelzende Metall hatte sich so in den Boden eingebohrt, daß dort nie richtig etwas wuchs; bis zum Ausbau der neuen verbreiterten Bundesautobahn konnte dies beobachtet werden. Erzähler A. meinte, daß es dort immer etwas süßlich nach Menschenfleisch roch. Fünf Särge wurden auf der Autobahn aufgestellt, doch in den meisten war nichts enthalten, überdeckt mit der Reichskriegsflagge. Von einem General wurde ihnen die letzte Ehre erwiesen.“

In Gesamtwürdigung seiner Kampfeinsätze und als Kommandeur der III. Gruppe wurde Hauptmann Richter am 19. September 1943 posthum mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Auch seinen Bordfunker Oberfeldwebel Meisinger bedachte man noch am 24. Juni 1943 mit dem Deutschen Kreuz in Gold. Richter ruht auf dem Soldatenfriedhof Kusel in der Pfalz in Block 5, Reihe 1, Grab Nr. 10.

Zumindest geographisch würde der beschriebene Absturz an der Autobahn zu Richters Maschine passen, auch wenn es kleinere Ungereimtheiten geben mag. Im von den Zeitzeugen angegebenen Zeitraum kann keine aus Afrika kommende Maschine abgestürzt sein, denn der nordafrikanische Kriegsschauplatz wurde von deutschen Truppen bereits im Frühjahr 1943 geräumt. Das Vorhandensein von Südfrüchten an der Absturzstelle ist dennoch plausibel erklärbar, denn Richters Gruppe lag zum Zeitpunkt des Unglücks in Sizilien.

Ritterkreuzträger Heinz Richter und seine Besatzung fanden also wenige Meter neben der Autobahn den Tod. Eine Begehung des Bereichs ergab, dass die eigentliche Absturzstelle bei einer Spurerweiterung der Autobahn abgetragen worden sein dürfte, verschmolzene Alu-Fragmente fanden sich nur noch unmittelbar am Waldrand zur Autobahn hin.

Heute erinnert nichts mehr an die vier tapferen Kampfflieger, die so tragisch zu Tode gekommen sind. Kein Stein kennzeichnet die Stelle, keiner der tausenden Autofahrer, die jeden Tag über die Aufschlagsstelle rollen weiß von diesem Schicksal.

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Fliegerschicksale im Landkreis Nürnberger Land 1918-1949

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