Der Blindflug über unbekannter Fjordlandschaft war bei den deutschen Flugzeugführern an der Nordfront gefürchteter als der Feindkontakt. Nebel, Wolken und Schnee nahmen der Besatzung die Sicht; moderne Kollisionswarngeräte gab es in den Kampfflugzeugen der 1940er-Jahre natürlich nicht.
Der heute 104-jährige Oberleutnant Ulrich Planck kann sich noch gut an die vielen Gefahren über dem Eismeer erinnern. Um dem britischen Radar zu entgehen, wurde in nur zehn Metern Höhe über dem Meer geflogen, was nicht wenige seiner Staffelkameraden mit dem Leben bezahlten, wenn im Nebel unerwartet die Steilküste vor der Kanzel auftauchte. Bis heute liegen in zerklüfteter, felsiger Landschaft in Schottland, Norwegen, auf Island und Spitzbergen die zerborstenen Reste der Maschinen unglücklicher Besatzungen.

Plancks Berichte von den in den Fjorden zerschellten Kampfflugzeugen haben mich seit der Arbeit an seinem Buch nicht mehr losgelassen. Nach monatelanger Recherche in alten Verlustmeldungen und Landkarten habe ich mich in diesem Sommer auf die Suche nach diesen vermissten Flugzeugen gemacht. Mehrere tausend Kilometer ging es sprichwörtlich bis ans Ende der Welt. Das von uns gesuchte Wrack einer Ju 88 liegt abgelegen auf einer unbewohnten Landzunge und wäre über Land nur in mehreren Tagesmärschen über Berge und Schneefelder zu erreichen. Blieb also nur der Weg über das Wasser – auch immerhin 15 Kilometer durchs Eismeer. Zu Hause am Bildschirm bei Google Earth sieht das ja alles so furchtbar einfach aus. Also: Schlauchboot mit 5-PS-Motor eingeladen und hingefahren.

Nachts um zwölf kamen wir an – es war taghell: Mitternachtssonne! In den frühen Morgenstunden, bei Ebbe, war das Schlauchboot aufgepumpt, letzte Vorbereitungen am Motor wurden getroffen. Ganz in der Ferne war als schmaler Streifen der Höhenzug zu erkennen, den wir erreichen wollten. Distanzen auf dem Wasser zu schätzen ist schwer, sehr schwer. Auch nach einer Stunde Fahrt wirkte das Ziel kaum näher. Stattdessen machten sich diese „harmlosen“ 17 km/h Windgeschwindigkeit in unserem Schlauchboot bemerkbar. Hoch und runter, links und rechts – bald war alles nass. Jetzt darf uns bloß nicht der Motor verlassen, sonst gute Nacht.

Doch alles ging gut, und gemächlich schob sich unsere Nussschale dem Ziel entgegen. Eine wunderschöne Landschaft zog an uns vorüber. Nur ganz selten mögen hier Menschen ans Ufer gehen. Kilometerweit keine Spuren von Zivilisation – eigentlich mal ein schöner Anblick. Nach kurzer Diskussion, welche Bucht es nun anzusteuern galt, glitt das Schlauchboot auf den Kiesstrand. Erst einmal alles zum Trocknen auslegen! Eine erste Inspektion des Geländes erbrachte merkwürdige Metallkugeln, die im Treibgut vor sich hin gammelten. Erst beim zweiten Blick dämmerte es mir: Das sind tatsächlich Seeminen!

Rucksack gepackt, und hinauf ging es in den Steilhang. Schon bei 400 Metern die Baumgrenze, danach nur noch Geröllwüste. Unsere ermittelte Zielposition stimmte natürlich nicht. Weit und breit nur Steine, Schnee und Rentierflechten. Was nun? Ein Fernglas wäre jetzt Gold wert gewesen. Ziellos ging es über das Bergplateau. Hinter jedem Hügel der nächste – immer die gleiche, öde Landschaft.

Doch dann: etwas Glitzerndes am Horizont. Mag das Metall sein? Mit jedem Meter, den wir uns näherten, zeichneten sich die Konturen besser ab. Eine Tragfläche! Die zerborstenen Bleche von Tragflächen und Rumpf hoben sich von der sonst so kargen Gletscherlandschaft gut ab. Ein Haufen Metallschrott, zwei Motoren und das Fahrwerk erinnern daran, dass dort vor 82 Jahren vier junge Flieger den jähen Tod fanden. Zweifelsfrei war es die von uns gesuchte Maschine. An der zerborstenen Heckflosse das Hakenkreuz, gut sichtbar, etwa einen Meter im Durchmesser, darunter die Werknummer 45…

Ziemlich erschöpft erst einmal Pause hinter einem Stück Rumpf, das etwas Schatten spendete. Überall liegen Trümmer. Alles sieht aus, als läge es keine drei Jahre dort. Nur wenige Wochen jedes Jahr schmelzen die Überreste aus dem Eis frei, das sie sonst schützend umgibt. Überall gibt es etwas zu entdecken: hier ein Funkkasten, da ein Instrument. Schnell ist klar, dass die Maschine aus südwestlicher Richtung gekommen ist. Sie wollten in die Arktis, doch im Nebel wurde ihnen dieses Bergplateau zum Verhängnis. 35 Meter höher, und das Unglück wäre nicht passiert. Wie tragisch.


Fischer der samischen Urbevölkerung hatten die sterblichen Überreste notdürftig unter einem Steinhaufen bestattet. Erst 1990 wurden sie auf einen Soldatenfriedhof überführt. Die Knochen hatte man eingesammelt, dennoch fanden sich zwischen den Überresten der Maschine persönliche Habseligkeiten der vier Gefallenen. Ein Kamm. Teile einer Kopfhaube. Dann ein Stiefel. Ein ganzes Hosenbein einer Kanalhose. Der Reißverschluss ließ sich noch öffnen! Zwischen Felsspalten immer wieder Stofffetzen. Ein Knäuel einer zerrissenen Uniform. Ich hob es an. Es war verdächtig schwer. Denn, kaum zu glauben: Unter der Brusttasche hing, noch in den Schlaufen, das „Fliegerschützenabzeichen mit Blitzbündeln“. Auf einem Gletscherfeld die Reste einer Uniformjacke mit noch anhaftender Auszeichnung zu finden – das hätte ich niemals für möglich gehalten. Schließlich fand ich eine Stelle, an der eine weitere, deutlich als solche erkennbare Fliegerkombi lag. Winkel und Schulterklappe verrieten: Sie muss einem Obergefreiten gehört haben.



Doch was tun mit diesen Dingen? Vor dem Zerfall bewahren? Unter einem Steinhaufen „nachbestatten“? Mitnehmen? Zumindest die Jacke des Obergefreiten konnte man mithilfe der Besatzungsliste zweifelsfrei einem der Männer zuordnen: dem 19-Jährigen Bordfunker W. aus Baden-Württemberg. Ich habe diese moralisch schwierige Frage mit Oberleutnant Planck und einem mir noch bekannten 104-jährigen Bordfunker besprochen: Wie denken sie darüber? Wo sind die persönlichen Gegenstände ihrer gefallenen Kameraden am besten aufgehoben? Auf dem Gletscher? In einem Museum? In einer Vitrine?
Zunächst einmal waren wir uns einig, dass man versuchen sollte, die Angehörigen zu kontaktieren. Gesagt, getan.
Nachdem wir es auch wieder zurückgeschafft hatten – die Rückfahrt war noch abenteuerlicher als die Hinfahrt –, ging es ans Werk. Unter Überwindung aller datenschutzrechtlichen Hürden ließ sich tatsächlich ein noch lebender Neffe des Bordfunkers ausfindig machen. Kurzerhand ein Anruf am Sonntagabend. Aber wie fängt man ein solches Gespräch an? „Grüß Gott, ich habe am Polarkreis die Reste der Uniformjacke Ihres Onkels gefunden. Soll ich die vorbeibringen?“
Herr W. war zwar völlig überrascht, zeigte jedoch sofort großes Interesse, denn er forschte selbst schon seit Jahren zu seiner Familiengeschichte und wusste über das Schicksal seines Onkels gut Bescheid. Er war sogar nach ihm benannt! Da war ich also genau an den Richtigen geraten – jemanden, bei dem man sich sicher sein konnte, dass die Bedeutung solcher Fundstücke auch wertgeschätzt wird. Also Termin vereinbart und hingefahren. Wirklich nette Leute, und bei einem Bier auf der Terrasse wurden 82 Jahre nach seinem Tod die letzten Habseligkeiten des 19-jährigen Bordfunkers aus dem Allgäu übergeben. Der Neffe hat sich sichtlich gefreut! Zum Dank schenkte er mir ein Exemplar seiner selbst geschriebenen Familienchronik. Natürlich habe ich nach einem schönen Porträtbild des Onkels in Uniform gefragt. Es soll mir eine mahnende Erinnerung daran sein, dass hinter den Flugzeugabstürzen, die ich recherchiere, immer menschliche Schicksale stehen.


Die Bilder dieser Expedition habe ich natürlich auch Herrn Planck vorgelegt. Sehr nachdenklich betrachtete er die Trümmer der Maschine, wohl in dem Wissen, dass oft nicht viel gefehlt hat und auch er auf diese Weise in jungen Jahren sein Ende hätte finden können.

Herr Prof. Planck ist einer der letzten noch lebenden Flugzeugführer der damaligen Luftwaffe. Als Fernaufklärer und Jetpilot kann er von einer beeindruckenden fliegerischen Laufbahn und vom Alltag der Flieger über dem Eismeer berichten.
Auf 450 Seiten haben wir sein außergewöhnliches Fliegerleben dokumentiert. Wenn euch das Buch – gerne mit seiner Signatur – interessiert und ihr meine Arbeit unterstützen möchtet, dann findet ihr es über diesen Link:
