Heute haben wir mit Dr. Femppel einen Spaziergang durch den Wald gemacht, in dem er vor 90 Jahren als Pimpf im Jungvolk an Geländeübungen teilgenommen hat. Im Gegensatz zur Stadt, die ihr Gesicht völlig verändert hat, ist der Wald so geblieben, wie er ihn aus seiner Kindheit in Erinnerung hat.

Gerhard war ein ehrgeiziger Pimpf. Über die Jahre stieg er vom Hordenführer zum Jungenschaftsführer und schließlich zum Fähnleinführer auf. Das Jungvolk gab ihm das, wonach er sich in jungen Jahren gesehnt hat. Wenn es ein Erlebnis gibt, an das er sich gerne zurückerinnert, dann ist es die „Große Ostmarkfahrt 1938“. Nach einem Auslesemarsch wurden 13 Pimpfe bestimmt. Per Anhalter und mit einem Donaukahn ging es nach Österreich, welches erst Wochen zuvor an das Deutsche Reich angeschlossen worden war. Ohne Leitung durch einen Erwachsenen, sondern gänzlich in Eigenverantwortung und Selbstorganisation besuchte die Gruppe Wien und marschierte anschließend zum Großglockner – da war Gerhard gerade eimmal 12 Jahre alt. In seinem „Fahrtenbuch“ und mit seiner Kamera hielt er alles fest und so kann man heute mit Staunen lesen, welche gewaltigen Distanzen die 12jährigen am Tag zurücklegten und mit welch hoher Selbstdisziplin die Reise durchgeführt wurde:
Dienstag, 9.8.38
Um 4h früh ging‘s raus. Hu! War es da frisch! Wir wuschen uns in einem Gletscherbach. Beim Zähneputzen fielen mir schier die Zähne aus, so kalt war das Wasser. Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über die Berge, doch wärmen tat sie noch nicht. Wir erlebten wunderschönen Sonnenaufgang. Zum Frühstück gab es Milch, Haferflocken u. Zucker.

Dann begann der Aufstieg zur Feldseescharte 2680 m. Hui! Da pfiff der Wind. Unterwegs hatte uns plötzlich eine Wolke verschluckt. (Zeit 1 ½ Std.) . Über Schneefelder u. Kare ging es weiter zur Duisburger Hütte (Zeit 1 ¾ Stdn) Andere Leute arbeiteten mit Eispickeln u. Seilen, wir gingen frisch drauf los. Über einen grossen Gletscher aufwärts gelangten wir zur Rojacher Hütte 2750m. Ein Magdeburger Parteigenosse. War so begeistert von uns, dass er uns bewirten liess. „Splitter“ war beinahe in eine Spalte „abigfallen“. Auf einem Grat ging es zum Sonnenblick (3106)m auf dessen Gipfelplateau sich eine Wetterstation befindet. Kurze Rast. Springend, in grossen Sätzen, bis zu den Knien im Schnee versinkend, ging es den Fleisskees hinab. Wegen Spalten mussten wir schwer auf passen. (…)“


Klammert man einmal die weltanschauliche Erziehung im Jungvolk aus und betrachtet lediglich sportliche Leistungen oder das Organisationstalent, so lässt sich das kaum mehr mit heutigen 12jährigen vergleichen. Man stelle sich eimmal vor eine Gruppe 12jähriger würde sich per Anhalter, ohne Handy, aufmachen, um einen 3000m hohen Berg zu besteigen. Wahrscheinlich würde es keinen halben Tag dauern und Polizei und Jugendamt würden die ganze Aktion unterbinden.
Gerhard Femppel hat mit seinen Tagebüchern ein wirklich bemerkenswertes Zeugnis über seine Generation geschaffen. In 2 Jahren Arbeit haben wir mit Hilfe seiner Unterlagen ein knapp 500seitiges Buch verfasst, welches Einblick in die Erziehung im Dritten Reich gewährt und den Alltag im Jungvolk und auf der Napola lebendig werden lässt. Bei Interesse findet ihr unser Buch hier:
