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Die „Drehkranzlafette 30“ und der 103jährige Bordfunker

Vor einigen Jahren fand ich auf einem Gletscher in über 2000 Metern Höhe die Fragmente eines Drehkranzes für Bordfunker, wie er in der He 111 oder Ju 52 verbaut war. Für mich ein interessantes Stück Technikgeschichte, an dem man nachvollziehen kann, welche Kulisse sich für den MG-Schützen im Luftkampf ergeben hat.

Die Fragmente einer Drehkranzlafette 30 auf über 2000 Metern.

Und nun ein kleiner Themensprung: Für mich war es ein großer Glücksfall, vergangenen Sommer noch einen weiteren Veteranen kennenzulernen, der hocherfreut war, als ich ihn fragte, ob ich seine Geschichte niederschreiben darf. Herr Goertzen ist 103 Jahre alt, auch wenn man ihm das kaum anmerkt.

An die vielen Stationen seines Jahrhundertlebens kann er sich noch erinnern, als wäre es erst gestern gewesen. Er wuchs in Rosenberg in Westpreußen auf, und dem Abitur folgte nicht das angestrebte Flugzeugbau-Studium, sondern die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst und schließlich zur Luftwaffe. Statt im Hörsaal fand sich Goertzen als Bordfunker einer Heinkel 111 am Himmel über der Ostfront wieder. Auf 174 Feindflügen, zunächst im Großverband und später in Nachtflügen, erlebte er Luftkämpfe und wurde selbst abgeschossen. Er dürfte der inzwischen wohl letzte Augenzeuge des Unternehmens gegen die US-Bomberflotte in Poltawa sein. Mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und dem Ehrenpokal ausgezeichnet, endete 1944 die Kampffliegerei, und das Kriegsende sah ihn im „Sonderkommando Elbe“ bzw. „Bienenstock“. In die Dienste der US-Streitkräfte übernommen, erlebte er die Nachkriegszeit und fand schließlich seine berufliche Laufbahn bei der Post.

In den vergangenen acht Monaten haben wir gemeinsam mithilfe seines Flugbuches und seiner Erinnerungen ein Buch geschrieben, das nun veröffentlicht wurde. Es ist wirklich bemerkenswert, wie gut sich dieser Mann an jedes noch so kleine Detail seiner Feindflüge erinnern kann. In seinem Rollstuhl sitzend erklärte er mir stundenlang die genauen Abläufe der Luftkämpfe, die er mitgemacht hat. Zentraler Bestandteil dabei war die „Drehkranzlafette 30“, in der er zunächst am MG 15 und später am MG 131 den sowjetischen Jägern gegenübersaß.

Adrian Matthes und Heinz Goertzen, 2026

Mir kam an dieser Stelle wieder mein Gletscherfundstück in Erinnerung, und mithilfe der örtlichen Simson-Schraubergruppe haben wir in einigen Nächten Arbeit die Fragmente wieder zusammengeschweißt. Unteroffizier Goertzen hat natürlich ordentlich Augen gemacht, als wir ihm seinen MG-Stand ins Wohnzimmer geschleppt haben. Ganz interessiert betrachtete er seinen ehemaligen Gefechtsstand in 4000 Metern Höhe. Es blieb natürlich nicht aus, dass wir ihm das Teil noch einmal über seinen Rollstuhl gestülpt haben. Nachdenklich strich er mit seiner Hand über den Bügel, in dem das MG hing. Hier hatte sich für ihn in jungen Jahren sein Leben entschieden: Überleben oder abstürzen – wie die unzähligen Kameraden, die er neben und über sich brennend aus dem Angriffsverband hat ausscheren sehen.

Die Lafette wird wieder zusammengeschweißt.
Heinz Goertzen nach über 80 Jahren nochmals in seinem Gefechtsstand.

Zwischen uns hat sich eine tolle Freundschaft entwickelt, und ich besuche ihn wöchentlich. Parallel zur Arbeit am Buch über seine Jugend hat meine Freundin ihm ein Modell einer He 111 H-20 zusammengebaut. Wir haben es ihm zum Dank für die gute Freundschaft geschenkt. In genau diesem Baumuster erlebte der Bordfunker Goertzen seine letzten Einsätze im Sommer 1944. Bei insgesamt 174 Feindflüge hat er viele brenzlige Situationen erlebt. Einmal wurde ihm der rechte Motor zerschossen und es gelang nur mit Glück eine Bauchlandung bei Charkow. Bei der Bombardierung eines Bahnhofs wurde eine nebenherfliegende Maschine von Bomben einer höherfliegenden Heinkel getroffen. Das vollbetankte Flugzeug explodierte vor den Augen Goertzens. Die herumfliegenden Trümmerteile hätten ihn fast ebenfalls zum Absturz gebracht. Bei einem Nachtflug 1944 fiel über dem Ziel ein Motor aus und nur weil man alles über Bord warf, was nicht Niet- und Nagelfest war, konnte man sich noch bis Lemberg retten.Mit dem Modell einer He 111 in der Hand berichtet Herr Goertzen immer noch lebhaft, mit welch waghalsigen Manövern seine Besatzung immer wieder nach Hause kam.

Goertzen mit dem Modell „seiner“ Heinkel 111.

Wer sich für die Geschichte des wohl ältesten Forumslesers hier interessiert, findet das Buch – gerne auch signiert – hier. Wir freuen uns über jede Bestellung, sie unterstützt unsere Arbeit!

„Achtung Frontüberflug!“

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