Vergangene Woche hatte ich wieder die Gelegenheit Herrn Dr. Michner zu besuchen. Beim gemeinsamen Stöbern in Unterlagen und Schubladen haben wir seinen alten Kompass gefunden, den er den gesamten Krieg hindurch immer bei sich trug. Als Offizier war es seine Aufgabe mit Hilfe dieses Kompass den Vormarschweg seiner Reiterschwadron zu bestimmen. Er begleitete ihn im Sommer 1942 durch den Don Bogen und war auch im Kessel von Stalingrad mit dabei. Das Erinnerungsstück in den Händen haltend, begann er zu erzählen, was er und sein Kompass damals alles durchlebt haben.

Bei eisiger Kälte im Dezember 1942 zeigte die Nadel an, wo Westen ist, wo die Entsatzarmee stand, der einzige Ausweg aus dem Kessel. Bei den eingeschlossenen Soldaten war die Stimmung schon auf den Nullpunkt gesunken, Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Zum großen Schmerz der Kavalleriesoldaten mussten die Pferde erschossen werden, um nicht zu verhungern. Leutnant Michner hatte seinen Befehlsstand unter einen abgeschossenen russischen Panzer graben lassen. Viel zu befehlen gab es zu diesem Zeitpunkt aber schon nicht mehr, er konnte lediglich laufend die eintrudelnden Meldungen über die Ausfälle seiner Schwadron entgegennehmen.
Ihn selbst erwischte es dann in den frühen Morgenstunden des 16. Dezember als er zusammengekauert mit zwei Kameraden in seinem Gefechtsstand einen russischen Artillerieangriff abwartete. Unvermittelt schlug mitten in den Unterstand eine Granate ein. Ob er sich an den Einschlag selbst noch erinnern kann, habe ich ihn in gefragt. Ja, ein Lichtblitz und dann ein Dröhnen in den Ohren. Im Pulverdampf erkannte er, wie der ihm gegenübersitzende Wachtmeister Post nur mit dem Kopf nickt und dann zusammensackt. Der Melder Obergefreite Falb begann furchtbar zu schreien und Michner selbst fühlte nur einen heftigen Schlag gegen seine Beine und Blut über seine Hand rinnen. Er kroch unter dem Panzer hervor und begann nach dem Sanitäter zu rufen, der kam, doch kein Verbandsmaterial mehr hatte. Michner kramte das eigentlich für ihn bestimmte Verbandspäckchen aus der Uniformstasche, damit der Sanitäter seine Kameraden verarzten kann – doch Walter Post war schon verstorben. Mit einem Unterschenkeldurchschuss schwer verwundet übergab Michner noch seine Einheit seinem Adjutant, ehe er von einem Krad in das Lazarett gefahren wurde. Dort erwartete ihn das reinste Grauen. Auf der Pritsche, auf die er gebettet wurde, war kurz zuvor ein Leutnant an einem Bauchschuss verstorben, alles war noch blutdurchtränkt. Aus Mangel an Personal und Hilfsmitteln konnten die Ärzte nicht mehr viel tun. Michner erlebte, wie einem Kameraden neben ihm ohne Betäubungsmittel das Bein amputiert wurde und Tage später ein „Weihnachtsfest“ im Angesicht des Todes.
Doch er hatte großes Glück, gemeinsam mit Oberleutnant Jandl wurde er am 4. Januar 1943 zum Flugplatz Pitomnik gefahren, beide sollten zu den Wenigen gehören, die aus dem Kessel ausgeflogen wurden. Auch am Flugplatz boten sich schreckliche Szenen: Es gab viel zu wenig Flugzeuge, um alle Verwundeten herauszufliegen. Michner bekam einen Platz, überließ diesen aber seinen guten Kameraden Jandl. Besonders diese Tatsache haben viele Leser, die uns nach der Veröffentlichung tolle Briefe geschrieben haben, hervorgehoben und als Zeichen menschlicher Größe gewertet. Ich habe Herrn Michner diese Briefe vorgelesen und gefragt, wieso er das getan hat. „Ich wusste, dass Jandl zwei kleine Kinder zuhause hatte“, erwiderte er nur. Doch auch Leutnant Michner hatte Glück und wurde kurz darauf in eine Heinkel 111 gehoben und rollte an den Start. Seine Aufgabe war es – trotz seiner Verwundung – das Bordmaschinengewehr zu bedienen, um russische Jäger abzuwehren. Heilfroh war er, als er vom Flugplatz abgehoben war. Es war der erste Flug seines Lebens und unter ihm sah er die weite weiße Landschaft um Stalingrad, die Stadt an der Wolga, die sich wie kein anderer Kriegsschauplatz in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt hat.
Michner überlebte Stalingrad und mit ihm sein Kompass. In den folgenden Kriegsjahren wurde er zum Oberleutnant befördert und erlebte die Bandenbekämpfung auf dem Balkan. Es ist nicht viel geblieben aus der Zeit, einige Abzeichen, alte Fotos und eben der Kompass.


Oberleutnant Michner dürfte inzwischen der letzte lebende Offizier der Stalingradarmee sein. Seine Erinnerungen, und vor allem sein täglich geführtes Tagebuch wurden in einem Buch veröffentlicht, welches hier erhältlich ist:
