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Ein „Begleitzettel für Verwundete“ aus Stalingrad

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die über ein ganzes Menschenleben entscheiden. Bei Oberleutnant Michner war es ein kleiner Fetzen Papier, den der 103jährige bis heute aufbewahrt hat. Der „Begleitzettel für Verwundete“ war auf dem Flugplatz Pitomnik im Kessel von Stalingrad das Ticket, welches über Leben und Tod entschied. Heute vor genau 83 Jahren wurde der Untergang der 6. Armee im Rundfunk bekannt gegeben. Michner gehörte zu den Glücklichen, die dem sicheren Tod knapp entgangen sind. Nachdem er Mitte Dezember in seinem Gefechtsstand unter einem abgeschossenen T-34 schwer verwundet wurde, verbrachte er Weihnachten und Silvester bei den Schwerverwundeten im Lazarett. Am 4. Januar wurde er ausgeflogen, mit ihm ein Schatz von zeitgeschichtlichem Wert: Sein Tagebuch. Darin beschrieb er auch sein Entkommen aus dem Kessel:

Montag, 4. Jänner 1943

(…) Ein Riesenhaufen Elendsgespenster liegt hier beisammen. Über uns donnern die Transport-Ju. Jedes Landungsgeräusch wird mit Herzklopfen verfolgt. Die Filzstiefel haben uns die Sanitäter abgebettelt. Jandl, dem ich den Vortritt lasse, kommt noch bei Dunkelheit mit einer Ju weg. Bei Helligkeit fahren nur He 111, die dann auch der Flak und Luftkämpfen ausgesetzt sind. Die Ju fahren nach Salzk, die He nach Nowyj Tscherkassk bei Rostow. Um 0600 Uhr werde ich endlich auf einen Sank geladen, ich habe keine Schiene, in einem Schmerzanfall vor einigen Tagen habe ich sie mir heruntergerissen, auf beiden Beinen 2 Paar Socken und Verband. Dazu die aufgeschlitzte, blutige Reithose, eine abgeschnittene Unterhose, Hemd, Feldbluse, 1 Pullover, Mantel, Kopfschützer, Mütze und zerfetzte Handschuhe. Alles verdreckt, verlaust. Die Wäsche ist seit Anfang Dezember dieselbe. Im Rucksack Kartentasche, Trainingsanzug, Pistolen, Koppel. Alle anderen schönen Sachen in der Kiste haben die Russen. Aber ich habe dafür das Leben! Wir fahren zu 8 Mann zum Rand des Flugplatzes, müssen bei Kälte etwas warten, bis die rettende Maschine ausgeladen ist. Ich werde als Letzter durch die hintere Bodenluke in das Flugzeug hochgewuchtet. Ich sitze am Platz des Funkers, eigentlich hänge ich wie ein Affe dort. Der Pilot bittet mich, im Falle eines Luftkampfes mit dem M.G. fleißig mitzuschießen. (…)

Viele Leser haben gefragt, weshalb er Jandl (ein guter Kamerad) den Vortritt gelassen hat. Natürlich habe ich Dr. Michner diese Frage gestellt, der antwortete nur wie selbstverständlich: „Weil ich wusste, dass er zwei kleine Kinder zuhause hat!“

Dr. Herbert Michner und Adrian Matthes 2025
Leutnant Michner im Sommer 1943
Der Verwundetenzettel von Dr. Michner, ausgestellt im Kessel von Stalingrad.

Oberleutnant Dr. Michner dürfte 2026 der letzte lebende Offizier der Stalingradarmee sein. Seine Tagebücher sind als Buch veröffentlicht worden, welches ihr bei Interesse hier findet:

Mit General v. Pannwitz im Bandenkampf

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