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Ein Stück Luftschlacht um England

Vor einigen Jahren kam ich zu einer Erkennungsmarke mit der Stempelung „67401/15“. Sie wurde in einem Kriegsgefangenenlager in Süddeutschland gefunden. 67401 ist die Mobilmachungsnummer der 7. Staffel des Jagdgeschwaders 53, 15 ist die individuelle Stammrollennummer des Soldaten.

Eigentlich wäre wegen des Fundkontexts anzunehmen, dass der Träger der Marke einer von Hunderttausenden Soldaten war, die im Mai 1945 in Süddeutschland in amerikanische Gefangenschaft gerieten. Eine Recherche in den Archiven ergab nun doch eine ganz erstaunliche Geschichte.

Die Erkennungsmarke gehörte Leutnant Herbert Strasser, Jahrgang 1919, aus Wien. Er diente als Flugzeugführer in der III. Gruppe des Jagdgeschwaders 53, die seit August 1940 in Le Touquet/Étaples an der Kanalküste lag und von dort mit den Bf 109 E Jagd- und Begleitschutzeinsätze über Südostengland flog.

Am 1. September 1940 war es am Vormittag bewölkt, es klärte gegen Mittag jedoch auf. Auch an diesem Tag trat die Luftwaffe wieder zum Großeinsatz an. Der erste große Einflug erfolgte zwischen 10.50 Uhr und 11.00 Uhr. Heinkel He 111 des KG 1 sowie Do 17 des KG 2 und KG 76 flogen, begleitet von Bf 110 des ZG 76 und Geleitschutz des JG 26, JG 52, JG 53 und JG 53, Angriffe gegen Ziele im Raum Kent. Kaum hatten die Bombergeschwader die Küste überflogen, stiegen die Abfangjäger der Royal Air Force auf. Über England kam es abermals zum Luftkampf.

Oberfeldwebel Erich Rudorffer von der 2./Jagdgeschwader 2 erzielte in diesen Minuten seinen dreizehnten Luftsieg. Doch auch die Luftwaffe musste Verluste erleiden. Leutnant Strasser flog an diesem Tag die Bf 109 E-4 mit der Werknummer 5087, die „Weiße 10“. Er war um 10.45 Uhr vom Fliegerhorst Étaples gestartet und hatte möglicherweise den Auftrag, Sperrballons über der Kanalküste abzuschießen. Jedenfalls wurde seine Maschine in knapp 6.000 Meter Höhe gegen 11.40 Uhr von einer „Hurricane“ ins Visier genommen. Eine MG-Salve beschädigte seinen Daimler-Benz-601-Motor, er verlor an Höhe.

Unklarheit herrscht darüber, welcher britische Pilot ihn abschoss. Es kann Sgt. Geoffrey Goodman vom No. 85 Squadron gewesen sein, wahrscheinlich aber war es F/O Harry B. L. Hillcoat vom No. 1 Squadron. Leutnant Strasser versuchte, Höhe zu halten, um sich über den Kanal nach Nordfrankreich zu retten. Doch seine Maschine verlor immer weiter an Höhe. Schließlich warf Strasser sein Kabinendach ab. Hillcoat setzte sich daraufhin in einem Akt der Ritterlichkeit neben die angeschlagene Bf 109 und versetzte ihr nicht den Todesstoß. Strasser winkte, wohl zum Zeichen der Kapitulation. Nordfrankreich war nicht mehr zu erreichen, und als die „Weiße 10“ nur noch 460 Meter hoch war, sprang er unter den Augen Hillcoats mit dem Fallschirm ab.

Minuten später wurde er unverletzt an der New Winchelsea Road gefangen genommen. Seine Bf 109 E-4 schlug bei Strand Bridge, Winchelsea, auf und wurde vollständig zerstört. Strasser überlebte den Krieg, während Hillcoat nur zwei Tage später bei einem weiteren Feindflug ums Leben kam. Jahrzehnte später wurde der getroffene DB-601-Motorblock von Strassers 109 an der Absturzstelle ausgegraben und ist heute im Kent Battle of Britain Museum ausgestellt.

Strasser geriet also tatsächlich in Gefangenschaft, nicht jedoch wie angenommen im Mai 1945, sondern weil er relativ zu Beginn des Krieges über England abgeschossen wurde. Die einzig logische Erklärung für den Fund seiner Erkennungsmarke in diesem Kontext ist, dass er nach Kriegsende aus der britischen Kriegsgefangenschaft in ein Entlassungslager nach Süddeutschland überstellt wurde und dort bei der Entlassung seine Marke abgab oder selbst entsorgte. So oder so ist seine Marke ein Stück Zeitgeschichte, denn er trug sie beim Luftkampf und Absprung über der Kanalküste gewiss bei sich.

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